Aktueller Stand: DS/1942/IX

Die Bezirksverordnetenversammlung wolle beschließen:

Das Bezirksamt wird ersucht, den Verein ME-Hilfe e.V. bei der Suche nach einem geeigneten Raum in Berlin-Lichtenberg zur Umsetzung des Projekts ME-Hilfe@Home – Essensversorgung, zu unterstützen.
Der Raum soll ausschließlich der Zubereitung, Lagerung und Verteilung von Mahlzeiten für Menschen mit ME/CFS und erheblichem Unterstützungsbedarf in der Alltagsversorgung dienen.

Begründung:

ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) ist eine schwere, chronische Multisystemerkrankung, die häufig zu massiven Einschränkungen der körperlichen und kognitiven Belastbarkeit führt. Ein zentrales Kernsymptom ist die Post-Exertionelle Malaise (PEM), eine teils tagelange bis wochenlange Zustandsverschlechterung nach geringster Belastung.

Seit der COVID-19-Pandemie ist die Zahl der Betroffenen deutlich angestiegen. Ein erheblicher Teil der Menschen mit Long COVID entwickelt ein Krankheitsbild, das die diagnostischen Kriterien von ME/CFS erfüllt. Die schwerste Verlaufsform von Long COVID entspricht klinisch ME/CFS.

Viele Betroffene sind nicht in der Lage, sich selbst mit geeigneten Mahlzeiten zu versorgen. Gleichzeitig bestehen häufig multiple Essensausgaben sind für diese Personengruppe häufig ungeeignet und gesundheitlich riskant.

Es besteht daher eine konkrete Versorgungslücke, insbesondere bei schwer- und schwerst betroffenen Menschen, die weder pflegerisch angebunden noch durch familiäre Netzwerke abgesichert sind.

Nach dem Modellbericht der ME/CFS Research Foundation aus dem Jahr 2025 lebten in Deutschland Ende 2024 mehr als 1,5 Millionen Menschen mit Long COVID und/oder ME/CFS. Diese Zahl umfasst sowohl Personen mit anhaltenden Long- bzw. Post-COVID-Symptomen als auch Menschen mit ME/CFS, unabhängig vom Auslöser.

Die Modellierung geht davon aus, dass ein erheblicher Anteil der Long-COVID-Betroffenen im Krankheitsverlauf die diagnostischen Kriterien von ME/CFS erfüllt. Entsprechend werden Long COVID und ME/CFS in der aktuellen Datenlage als eng miteinander verbundene Krankheitsbilder betrachtet.

Diese bundesweiten Zahlen dienen als Referenzrahmen für die Einordnung des Bedarfs auf Bezirksebene.

Setzt man die bundesweite Betroffenenzahl von über 1,5 Millionen Menschen mit Long COVID und/oder ME/CFS ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Deutschlands und überträgt diesen Anteil vorsichtig auf den Bezirk Berlin-Lichtenberg, ergibt sich eine Größenordnung von rund 4.700 bis 5.500 Betroffenen im Bezirk.

Mit zunehmender Erkrankungsschwere steigt der Bedarf an externer Unterstützung im Alltag deutlich an.

Ein relevanter Teil der Betroffenen lebt allein oder ohne tragfähige familiäre Versorgungsstruktur. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass auch Menschen mit vorhandener familiärer Unterstützung häufig nicht ausreichend versorgt sind, da Angehörige dauerhaft überlastet sind oder die notwendige Unterstützung nicht kontinuierlich leisten können.

Unabhängig von der familiären Situation führt ME/CFS bei vielen Betroffenen zu erheblichen Einschränkungen der körperlichen und kognitiven Belastbarkeit. Die regelmäßige Zubereitung geeigneter Mahlzeiten ist dadurch oft nicht möglich. Hinzu kommt, dass Standardangebote wie Lieferdienste oder allgemeine Essensausgaben aufgrund individueller Unverträglichkeiten, fehlender Energie oder organisatorischer Hürden häufig nicht genutzt werden können.

Trotz erheblicher Einschränkungen ist es für die Betroffenen nicht einfach, einen entsprechenden Pflegegrad zu erhalten, um auf diesem Wege eine Versorgung sicherzustellen.

Daraus ergibt sich eine konkrete Versorgungslücke im Bereich der regelmäßigen, bedarfsgerechten Essensversorgung, die durch bestehende Angebote nicht geschlossen wird. Das Projekt ME-Hilfe@Home – Essensversorgung setzt gezielt an dieser Versorgungslücke an.

Ziel des Projekts ist der Aufbau einer koordinierten, niedrigschwelligen Essensversorgung für Menschen mit ME/CFS, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation einen erheblichen Unterstützungsbedarf in der Alltagsversorgung haben und aktuell nicht oder nicht ausreichend versorgt sind.

Der beantragte Raum dient ausschließlich als: Küchenstandort für die ehrenamtliche Zubereitung geeigneter Mahlzeiten, Lager- und Kühlort (z. B. Kühltruhe), Übergabe- und Verteilpunkt für freiwillige Verteiler*innen, organisatorische Koordinationsstelle für die Essensversorgung

Der Raum ist kein öffentlicher Treffpunkt und keine offene Ausgabestelle.

Zielgruppe sind Menschen mit ärztlich diagnostiziertem ME/CFS, die sich aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkungen nicht selbst ausreichend mit geeigneten Mahlzeiten versorgen können.

Der Raum fungiert als zentraler Knotenpunkt für die Essensversorgung:

  • Ehrenamtliche kochen geeignete Mahlzeiten vor Ort oder bringen vorbereitete Speisen ein
  • Mahlzeiten werden sachgerecht gekühlt und gelagert
  • Freiwillige Verteiler*innen übernehmen die Auslieferung zu den Betroffenen
  • Individuelle Unverträglichkeiten und Bedarfe werden vorab berücksichtigt

Alle Tätigkeiten erfolgen ehrenamtlich, nicht gewerblich und kostenfrei.

  • Ehrenamtliche, nicht gewerbliche Tätigkeit
  • Keine Gewinnerzielung
  • Kostenfreie Weitergabe der Speisen
  • Internes Lebensmittelsicherheits- und Hygienekonzept liegt vor
  • Einbindung geschulter Personen bei Kochprozessen
  • Ein detailliertes Hygienekonzept kann bei Bedarf nachgereicht werden.

Benötigt wird ein funktionaler Raum mit:

  • Strom
  • Wasser und Spülmöglichkeit
  • Kochmöglichkeit (Herd oder Kochplatten)
  • Platz für Kühltruhe und Kühlschrank
  • Zugang zu einer Toilette im Gebäude
  • möglichst barrierearm

Das Projekt ME-Hilfe@Home – Essensversorgung soll als zeitlich befristetes, strukturiertes Versorgungsangebot mit einer Laufzeit von mindestens 12 Monaten angelegt sein.

Nach Ablauf dieses Zeitraums ist eine Evaluation vorgesehen, um Bedarf, Nutzung und organisatorische Umsetzbarkeit zu prüfen und über eine Fortführung oder Anpassung des Angebots zu entscheiden.

Das Projekt reagiert auf eine strukturelle Unterversorgung, da es bislang keine verlässliche, organisierte Essensversorgung für Menschen mit ME/CFS und Long COVID gibt, würde soziale und pflegerische Strukturen entlasten und eine besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe entlasten, ist niedrigschwellig, zielgerichtet und ressourcenschonend.