Aktueller Stand: DS/1998/IX

Die Bezirksverordnetenversammlung wolle beschließen:

Das Bezirksamt wird ersucht, die Einführung eines freiwilligen Pilotprojekts mit dem Arbeitstitel „Quasselkasse Lichtenberg“ zu prüfen und zu diesem Zweck aktiv das Gespräch mit interessierten Einzelhandelsbetrieben im Bezirk aufzunehmen.

Ziel des Pilotprojekts ist es, in ausgewählten Supermärkten oder vergleichbaren Einrichtungen des Einzelhandels zeitweise besonders ausgewiesene Kassenbereiche einzurichten, an denen während und nach dem Bezahlvorgang noch Raum für ein kurzes Gespräch bleibt. Insbesondere älteren Menschen und von Einsamkeit betroffenen Bürgern soll auf diesem Wege im Alltag eine niedrigschwellige Möglichkeit sozialer Begegnung geboten werden.

Hierzu soll das Bezirksamt insbesondere:

über die zuständigen Stellen des Bezirksamtes (insbesondere die Wirtschaftsförderung) Kontakt zu Supermarktleitungen, Filialverantwortlichen, Center-Managements und weiteren geeigneten Einzelhandelsunternehmen in Lichtenberg aufnehmen; gemeinsam mit interessierten Unternehmen die Voraussetzungen für die Einrichtung freiwilliger Quasselkassen durch Kooperationsvereinbarungen ausloten;
geeignete Standorte für ein Pilotprojekt identifizieren, insbesondere an stark frequentierten Nahversorgungsstandorten; relevante bezirkliche Akteure, insbesondere die Seniorenvertretung, Stadtteilzentren, Begegnungsstätten sowie weitere Fachstellen zum Thema Einsamkeit, in die Konzeption einbeziehen; das Pilotprojekt öffentlich begleiten und auf geeigneten Medien sichtbar machen; der BVV bis zum 17.12.2026 über den Stand der Gespräche, die Zahl der beteiligten Unternehmen sowie die Möglichkeiten einer Umsetzung und Verstetigung berichten.


Begründung:

Einsamkeit trifft zwar vor allem ältere Menschen, aber eben nicht nur sie. Viele Bürger erleben ihren Alltag zunehmend in Einsamkeit. Gerade im großstädtischen Leben fehlen oft die kleinen Momente menschlicher Begegnung, die früher zum Alltag gehörten. Zugleich verändert sich auch der Einzelhandel. Immer mehr Selbstbedienungskassen sorgen für Tempo und Effizienz – aber auch für mehr Anonymität.

Das in Reinickendorf vorgestellte Modell einer „Quasselkasse“ zeigt einen praktikablen Weg, wie Vereinsamung mit einfachen Mitteln begegnet werden kann: freiwillig, unbürokratisch und in Zusammenarbeit mit engagierten Unternehmen. Es soll dabei nicht um neue Pflichten für den Einzelhandel gehen, sondern um ein zusätzliches, klar begrenztes Angebot an einzelnen Standorten für bestimmte Zeitfenster.

Auch Lichtenberg braucht eine solche Initiative. Denn Einsamkeit ist nicht nur ein persönliches Problem, sondern auch eine Frage der mentalen Gesundheit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wer den sozialen Frieden stärken will, darf nicht erst handeln, wenn Isolation, Resignation und gesellschaftliche Spannungen bereits verfestigt sind. Ein Bezirk, der Einsamkeit ernst nimmt, stärkt damit nicht nur das Wohlbefinden Einzelner, sondern auch Respekt, Vertrauen und Miteinander im Gemeinwesen.